Petrivision Impulsrede „Heimatbild“ 02.11.2019 Tina Schönwald

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Manchmal habe ich noch dieses Bild vor Augen..

..im Spätsommer 1986, an der Autobahnauffahrt Hornerkreisel, Hamburg, Richtung Berlin. Genauer gesagt, gut 50 Meter rein in die Auffahrt, da wo die Laster schon Fahrt aufnehmen. Es ist mittlerweile stockdunkel. Nach stundenlangem vergeblichem Trampen am Hornerkreisel machen es sich zwei Gestalten hinter der Leitplanke gemütlich und versuchen ein Nickerchen zu machen: Ein furchteinflößender dürrer Standardpunk mit Lederjacke und Iro, dessen Zacken genauso müde und schlapp in der Gegend rumhängen wie ihr Träger. Und ein kleines, pummeliges und bestimmt ganz sicher auch furchteinflößendes Gruftiemädel mit schwarzen Puschelhaaren und einem langen schwarzen Mantel und großzügig kajalschwarzumkringelten Augen.

Der Typ hieß Stachel und das Mädel war ich. Damals hatte ich den Namen Tätti weg, mit ä und doppel-t, weil ich Comics malte, in denen ein depressiver Teddybär mit diesem Namen die Hauptrolle spielte. Zeitgleich fotografierte ich dauernd, seit frühester Kindheit. Gerne Absonderliches, Ruinöses, Unbeachtetes, was mit den Jahren fast zwanghafte Züge annahm.

Warum lag ich also in diesem Grünstreifen an der Autobahn nach Berlin?

Ja, ich fand dich damals Scheiße, Lübeck, so öde! Echt jetzt mal! Du hast dich bei mir nicht gerade kokett angebiedert, hast mir nicht gezeigt, wie wir zusammen Spaß haben könnten. Nee..

Deswegen bin ich damals gegangen. Und hab erst ohne dich gemerkt, was ich an dir hatte. Und bin zurückgekommen, weil ich in dir meine Wurzeln hab. Weil ich hier jeden Gullideckel mit Vornamen kenne. Weil mein Zuhause nirgendwo näher ist. Nimmst du mich zurück?

Klar gibt es andere tolle Städte, Berlin, New York, Rio, Tokio, Itzehoe.. aber ich will dich, ich gebs zu, ich steh auf so kleine runde wasserumflossene, alt und schrumpelig dazu.

Die Frage nach dem Zuhause treibt mich immer um, fühle ich mich doch so wohl in der Stadt und gleichzeitig so gefangen, bin gleichzeitig jung und alt in dir, so ewig wirkst du. Ich scheine in meinen Träumen das Fließen des Lebens an den Häuserecken vorbei zu sehen, und auch wach das Meer immer sicher in der Nähe wissend, so dass ohne Binnenlandklaustrophobie das Leben gut ein paar Monate am Stück in dir lebbar ist.

Ja, meine Träume, ganz oft sind deine Straßen Bestandteil, ich laufe durch dich hindurch, oder fliege über dich hinweg und erlebe so unbekannte Perspektiven, neue Bilder. Und alle erlebten Jahrzehnte tun so, als wären sie gleichzeitig online. Für diese nette Einmischung in mein nächtliches Synapsengewitter bin ich dir dankbar.

Z.B. träumte ich einmal an der Ecke Königstraße/Mühlenstraße zu stehen, ich sah hoch und dort war irgendetwas sehr Beeindruckendes, aber Undefinierbares und ich dachte: „Hier muss ich unbedingt mal mit der Kamera hin!“ Ich wachte auf und konnte mir nicht vorstellen, was da so Tolles sein könnte. Als ich dann tatsächlich dort stand, sah ich einen der schönsten, runden geradezu knubbeligen Erker, der förmlich aus der Hausecke quoll, den ich vorher nie bewusst gesehen hatte.

Schon immer haben mich Anblicke, Bilder fasziniert. Zu meinen ersten Erinnerungen gehören die hellbraun, manchmal lila rechteckig gepflasterten Bürgersteige von St. Jürgen und Kaugummiautomaten auf Augenhöhe. Und trotzdem frage ich mich, ..Heimat..was ist wirklicher, an einem Ort oder neben einem, mit einem Menschen.

Menschen als die eigentliche Heimat? Den Hafen in der Verbundenheit zu den anderen Kohlenstoffeinheiten um sich herum zu spüren, ist es das? Die auch wieder alle an demselben Ort ein Heimatgefühl haben. Das potenziert.

Bin ich in Backsteinen zuhause?? Oder in einem Energiefeld, welches sich im Jahre 800hundertkeks an der nicht ganz so rauen Ostsee zusammenballte und die ersten Holzhäuschen hustend auswarf und sich selbstentzückt den Namen Liubice, die Liebliche, gab? Und diese Siedlung sich dann über die Jahrtausende transformierte in Stein und Bein, Handel und Harmonie, moderner zeitweilig noch träger Kultur und liebenswert schwerfälligem Digitalismus.

Unser vertrauter Anblick unserer jahrzehntelangen gleichen Wege, plus die vertrauten Menschen, heißt gleich Zuhause, weil unser Gedächtnis aus allem das Positive extrahiert, herausformt zu einem Geflecht aus immer wieder Erlebtem. Immer dichter werdend, mit jedem Mal Erleben, mit jedem Mal ablaufen derselben Wege, mit jedem Treffen, jedem Gespräch, mit jeder Umarmung, jedem Kuss, jeder Liebe, jedem Lachen, jedem Drama, jedem Streit, jeder Versöhnung. Begebenheiten, die zentimeterweise über lange Zeit diese Stadt geflutet haben. Und damit zu uns gehören, zu unserem Feld. Welches uns sicher macht, sicher in der Annahme da zu sein. Wir spiegeln uns fast in Backsteinen, so sehr sind wir in der Stadt zuhause, wir hören uns in den Glocken der Türme, dauernd und doch jedesmal überraschend und heimelig. Wir verbinden uns mit dem immer Wiederkehrenden.

Bei dem Gedanken an unser Zuhause macht sich in uns wohligwarmes helloranges inneres Schnurrgebrodel breit und bestätigt die dicken omnipräsenten Pfeiler der heimatösen Existenz. Ja….meine Stadt, und die von 200tausend anderen bekannten und unbekannten Zeitschleifengenossen..

Damals am Hornerkreisel sind Stachel und ich tatsächlich noch von einem Trucker Richtung Berlin mitgenommen worden, weil ich wieder aufgestanden war und mich weiter trampend im Dunkeln an die Leitplanke stellte, während Stachel im Gras lümmelte und aufgegeben hatte. Es war sehr cool in Berlin und ist es auch noch immer. Aber in den Lübecker Backsteinen bin ich zuhause.

Vielleicht auch gefangen. Auf jeden Fall glücklich.

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